Rock im Park 2012
»Von Pandabären und kleinen Temperamentbündeln«
Tobias vom 07.07.2012

Rock im Park und die Rapper - eine Hassliebe. Es war 2006, als das enfant terrible des deutschen HipHops, Bushido und sein Kumpan, Anhängsl oder was auch immer Kay One, mit Bechern, Steinen und Geld beworfen wurden. "Wenn ihr schon mit Geld schmeißt, dann bitte mit Scheinen - Fuffies und so", kommentierte der Berliner die Anfeindungen damals mit einem schelmischen Lachen. Dass Rap und der Park funktionieren können, zeigte nur drei Jahre später Jay-Z: Eine aus allen Nähten platzende Mainstage und ein zwei-Stunden-Set voller Hits, die jeder Parkrocker mitgröhlen konnte - und vor allem ganz ohne Wurfattacken. Auch 2012 verschlug es wieder den ein oder anderen Sprechgesangeskünstler in die Noris. Allen voran der sympathische Newcomer Cro, Grime-MC Tinie Tempah und die Deutschrapveteranen von den Beginnern rund um Jan Dela... äh, Verzeihung: Eißfeldt.


Foto: Tobias Lang

Zweifelsohne bietet das Reichsparteitagsgelände rund um den Nürnberger Dutzendteich eine eindrucksvolle Festivalkulisse. Schon nach einem Festivaltag gleichen Zeppelinfeld, Doku-Zentrum und Co. jedoch einem Bürgerkriegsschauplatz, der nur vermuten lässt, welch wilde Partys in der Nacht hier gefeiert wurden. Brennende Bierkartons, zerstörte und herrenlose Zelte und Müll. überall Müll. Unweigerlich drängt sich der Vergleich zu Sodom und Gomorra auf. Aber alles halb so wild, immerhin gibt es gute Musik. Am Freitag zum Beispiel Metallica und Tenacious D inklusive Jack Black auf der Centerstage. Beschaulicher, ungleich aber weniger hörenswert geht es auf der Alternastage, der kleineren der beiden Outdoor-Bühnen zu: Katie White, Sängerin des Duos The Ting Tings ravt gegen einsetzenden Nieselregen an und Maximo Park kämpfen gegen die harten Gitarrenriffs der parallel spielenden Alternativ-Rock-Band Billy Talent. Zwischendrin gibt es Pete Doherty, über den eigentlich alles gesagt zu sein scheint. Der Publikumspreis für den sympathischsten Abgang ist dem bekennenden Drogenopfer aber sicher: Nach Ende des Konzert einfach seine Jacke nehmen, die Gitarre hinstellen und beim Abgang der Crowd noch die Reste aus dem Radeberger-Sixpack zuwerfen - gehts lässiger? Wohl nicht!

Der gemeine Rap-Hörer kommt am Samstag endlich auf seine Kosten: Der schwäbische Pandaverschnitt Cro lockt sämtliche kreischenden Teenager, vornehmlich weiblicher Art, aus den Zelten. Unerwarteterweise fällt "Carlo" aber die komplette Alternastage und spielt rund 15 Minuten nach Beginn des Auftritts vor satten 25.000 Leuten. So viele, dass er seinen Chart-Hit "Easy" nicht einmal mehr selbst zum Besten geben muss, sondern das rappen den Zuschauern überlässt. Wohl dem, der solch treues Publikum hat. Eine Randnotiz, die eigentlich überflüssig ist: Die Pandamaske bleibt natürlich die kompletten 45 Minuten wie betoniert über dem Gesicht. Danach gibt es Tinie Tempah, dem erheblich weniger Parkrocker ihr Ohr leihen. Ein hartes Los ziehen die reformierten Beginner, die zeitgleich mit den Toten Hosen performen. Campino und Co. zelebrieren auf der Mainstage ihr 30-jähriges Bandjubiläum. Naja ... und Deichkind ziehen ihre übliche Nummer zwischen Psychedelika, überdimensionalen Bierfässern und nackten, dicken Männerbäuchen ab. Man kennt das.

Hits from the Bong am Sonntag. Mit Cypress Hill spielen vier echte Vorzeigekiffer auf der Mainstage. Immer wieder schön, aber reichlich unspektakulär vor wenigen tausenden Zuschauern. Außerdem: Die Münchnerin Fiva inklusive dem Phantom Orchester, die als einziger Rapkünstler indoor auf der Clubstage spielen darf. In jener Halle geben sich außerdem The Kolektzis rund um den Elektroästheten Oliver Koletzki das Mikrofon - oder konkreter: die Regler in die Hand. Ansonsten ist neben einem soliden Konzert von Linkin Park, einer mitternächtlichen Freakshow von Marilyn Manson und dem reformierten Soundgarden relativ wenig zum Festivalausklang geboten.

Und da man sich das Beste ja bekanntlich bis zum Schluss aufsparen soll, gab es ein furioses Ende mit Marilyn Manson. Nicht. Wer - wie ich - blutiger Manson-Laie ist, dem sei gesagt: Hier erwarten einen weder Schaf-Schächtungen auf der Bühne, noch gewaltsame Sex-Orgien oder Teufelsanbetungen. Nicht einmal echtes Blut. Enttäuschend. Manson röhrt ins Mikro mit Licht aus, Manson röhrt ins Mikro mit Licht an, Manson... und so weiter, ihr wisst Bescheid. Diese mitternächtliche Freak-Show, die nicht wirklich eine ist, entpuppt sich als waschechter Rausschmeißer. Aber sicher haben die ausgefuchsten Programmplaner von Rock im Park das genau so geplant.

Schließlich waren alle drei Festivaltage dramaturgisch perfekt organisiert und auch in Puncto Musikstile optimal ausgewogen: Sowohl Hip-Hop-, Rap-, Rock- wie Technofans kamen voll auf ihre Kosten. Und so stehe ich in der letzten Festivalnacht im Nieselregen zwischen einzelnen Besoffenen, die sich in Ausdruckstanz üben, leeren Bierbechern und Müll - viiieeel Müll - und denke: Eigentlich macht das hier ja doch alles Sinn irgendwie, und ertappe mich, wie ich leise mitsumme: "Sweet dreams are made of thiiis, who am I to disagree?"


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