Atzenmusik
»Ihre Bestimmung scheint gefunden«
Andre vom 12.01.2010

2009 war durch und durch das Jahr der Atzen. Gemeinsam mit ihrem Hit „Das Geht Ab!“ stürmten die beiden Berliner Rapper Frauenarzt und Manny Marc (im nachfolgenden Text liebevoll „die Atzen“ genannt) die deutschen Singlecharts und können sich bis dato auch noch dort halten. Es scheint so, als seien sie aus dem Berliner Nichts gekommen, um eine Welt zu erobern und mit ihrem „Atzenfieber“ zu infizieren. Ihr Label Kontor (auch ein Technolabel) dürfte sich jedenfalls freuen. Doch meist folgt auf ein Leben im Rampenlicht ein Leben im Hintergrund. Viele behaupten außerdem, dass „die Atzen“ lediglich ein One-Hit-Wonder seien und in absehbarer Zeit mit dem Song „Das Geht Ab!“ auch wieder verschwinden würden. Wir wollen genau dieser Behauptung nachgehen und erörtern in diesem Feature die Chancen der beiden Rapper, sich auf längere Zeit in der Oberliga der deutschen Musikszene, den Charts, zu integrieren und dort zu halten. Auf geht’s also zu einer Entdeckungstour durch die Welten der One-Hit-Wonder und Chartkönige.

Typisch für One-Hit-Wonder ist ihr atemberaubend überraschender Erscheinungsmoment. Wie ein Superheld tauchen sie aus dem Nichts in einer riesigen Rauchblase auf, setzten einen Ohrwurm in die Gehörgänge der Konsumenten und verschwinden mindestens genau so schnell und überraschend, wie sie gekommen waren, wieder im Rauch ihres Erfolges und lassen dabei nichts zurück außer ihre Namen und ein stilles, leises Summen ihrer Songüberreste. Ihr Aufstieg ist rasant und bleibt meist unbemerkt, was wohl auch daran liegen mag, dass eigentlich keine Rede von einem „Aufstieg“ seien kann. Es ist mehr wie ein Starten mit 100 Prozent, der vollen verfügbaren Kraft. Oder auch wie das Aufwachen auf dem höchsten Berg der Erde. Man steht zwar für einen kurzen Moment ganz oben und genießt die schöne Aussicht, aber wenn ein frischer Wind in Form eines neuen „Wonders“ vorbeigeflogen kommt und einen mitzureißen versucht, folgt der ungebremste Sturz in die Tiefe.




Zwar scheinen nach diesem Motiv gesucht die beiden Berliner Atzen nicht in Frage zu kommen für ein One-Hit-Wonder, denn immerhin arbeiten beide schon lange Zeit in der Berliner Untergrundszene, haben es also sicher nicht so leicht gehabt wie ein Kandidat der Castingshow DSDS. Doch trotzdem lässt die Fortführung des Kapitels „Erfolg“ in der bislang ungeschriebenen Biografie der beiden darauf schließen, dass es bald wieder zu Ende seien wird mit den großen Charterfolgen. So haben die Atzen nämlich zwei große Fehler begangenen, die schon vielen zum Verhängnis wurde, die die Chance auf eine Dauereintrittskarte für den Chartolymp in greifbarer Nähe sahen und später doch zu Boden fielen. Sie haben ihre ganz eigene Linie verloren, den sogenannten „Atzenstyle“, sowie die Rap-Bitch betrogen und mal so eben gegen einen Techno-Nerd eingetauscht. Zwar mag das heißen, dass die Atzen nun einige neue Fans aus dem großen Reich der deutschen Technoliebhaber gewinnen dürften, doch haben sie ihre wahre Fanbase - ganz besonders die Berliner Heads – verloren. Und bislang haben es nur wenige, ganz wenige, geschafft, den dicken und wuchtigen Händen der Mama Rap zu entrinnen und sich in einem anderen Genre breitzumachen.

Worauf sich die Atzen also wieder konzentrieren sollten, ist ihre alte Linie. Die, für die ihnen Fans in die kleinsten Konzerträume Deutschlands gefolgt sind und noch heute meist harsch kritisiert werden. Denn der Arzt und sein Kollege Manny Marc sollten nicht vergessen, dass ihnen die große Menge der derzeitigen Konsumenten nur so lange folgen wird, wie sie Hits produzieren und geht dieses Unternehmen einmal daneben, war es das mit dem Fandasein. Außerdem ist die Techno- und Houseszene eine sehr schnelllebige, bei der ein Hit durch den nächsten ersetzt wird. Zwar mag der Porno-Rap noch immer nicht jugendfrei seien und hier und da mal wieder ein kleines Strafsümmchen, das es zu entrichten gilt, fordern, doch bleibt er am Ende des Tages das, was die wahre Fanbase einst suchte und mit Atzenmusik gefunden geglaubt hatte. Wird dieser Weg der Rückbesinnung jedoch nicht beschritten, sieht es düster aus für die Atzen. Zwar mag ihnen bis zum Zeitpunkt Null noch der ein oder andere sehr kleine Erfolg gelingen und wahrscheinlich werden sie auch noch einige Zeit auf jeder Party gefragt seien, doch irgendwann wird auch all dieser Glitzer und Glamour unter Mama Raps Zorn verschwinden und es wird sich zeigen, was nachhaltiger Erfolg bedeutet.

Und wer jetzt fragt, was nachhaltiger Erfolg eigentlich bedeutet, dem soll schnell geholfen werden. Nachhaltigkeit im Rap zeichnet sich auf Fans bezogen nicht durch die neue Erschließung von unglaublich großen Massen in einer ebenso unglaublichen kurzen Zeit aus. Denn diese sind meist wie Nomaden und ziehen von einer Fangemeinde zur nächsten, um sich kurzzeitig den Kick für die Ohren zu holen und mit dem neusten Hit auf ihrem iPod unter Ihresgleichen zu beeindrucken. Nein, im Bezug auf Fans drückt sich Nachhaltigkeit in Form von Treue aus, Loyalität. Man lebt und liebt füreinander. In vielen Genres des Musikszene ist dieser Wert bereits längst verloren gegangen oder war gar noch nie vorhanden (weshalb das One-Hit-Wonder ein größtenteils in der Popmusik vorkommendes Phänomen ist und bleibt).
Blickt man dann noch auf die Künstler und versucht an ihnen die Nachhaltigkeit zu erklären, spricht man von langfristig ausgerichteten Zielen und Erfolgen. Ein kurz anhaltender (oftmals nur finanzieller) Gewinn kann nicht das höchste Ziel der Ziele eines Künstlers sein. Er muss versuchen, sich etwas noch höheres zu stecken. Sich nicht damit zufrieden zu geben, dass er für den Moment ja ganz gut dasteht mit seinen verkauften Singles. Denn so ein Platz in den Charts reserviert man sich nicht durch jeden x-beliebigen Hit. Hierfür benötigt es die eben schon angesprochene feste Fanbase, womit wir wieder bei den Fans angekommen wären.



Außerdem sollte man nicht vollkommen aus den Augen lassen, mit welchem Glück die beiden Atzen in die deutschen Charts geraten sind. Zunächst einmal bemerkte man sie ja gar nicht mit ihrem Song, dann grölten die ersten Fußballfans plötzlich ihren Song in einer veränderten Version mit und schließlich landeten sie in den Charts. Dies dürfte wohl auch weiter damit zusammenhängen, dass derzeit eine extrem große Techno-/House-Welle durch die deutschen Kinderzimmer schwimmt und eigentlich eh fast alles gehört wird, was irgendwie elektronisch und nach Party klingt. Und wie jeder kurze Trend wird auch diese Welle bald an einem Strand auslaufen und ihr Wasser im Sand versinken. Dies soll den Song „Das Geht Ab!“ nicht schlecht reden. Nein, es soll nur dazu anregen, dies einmal im Hinterkopf zu behalten, wenn man über die weitere Zukunft der Atzen diskutiert. Nämlich ganz unbeachtet kann man die Trends ja nie lassen. Sie schaffen und beenden Hypes so, wie Gott es mit den Menschen macht.

Zusammenfassend kommt man zu dem Entschluss, dass einiges für ein bis zwei (wenige) weitere Hits der Atzen spricht, danach aber - wenn sie so weitermachen wie bis jetzt - Schluss ist. Scheitern wird das komplette Unternehmen „Atzenmusik in den Charts“ an den Hörern und ihrer heute leider immer kürzer werdenden Begeisterung und Aufmerksamkeit für etwas. Schließlich sind die Menschen derzeit noch in Feierlaune und wollen sich den äußerst kalten Winter warm tanzen. Außerdem sind viele bemüht darum, die schlechten und ängstlichen Gedanken, hervorgerufen von der Finanzkrise, zu verdrängen. Allerdings wird sich schnell in den Branche ein Gegenmittel finden lassen, das uns alle vom „Atzenfieber“ heilt. Vielleicht heißt es dann sogar, dass man endlich „erlöst“ worden sei von den Atzen, die immer nerviger und gleicher klangen mit ihrem Techno-Party-Sound. Und vielleicht haben dann schon andere Rapper den Atzen ihre einstige Fanbase abgeworben, sodass sie schließlich da landen, wo man sie schon heute in diesem Feature sieht – am Rande des Abgrundes und ohne Wiedereinstiegschancen. Doch vielleicht haben sie ja auch Glück gehabt mit diesem Urteil, die Atzen. Denn wer möchte schon – wenn wir einmal wirklich ehrlich mit uns selbst sind – die Spätfolgen einer Musikerkarriere erleiden müssen? Welche das sind? Dies liegt doch auf der Hand. Egal ob Drogenexzesse, Gewaltandrohungen von kranken Fans, die einen doch eigentlich über alles auf der Welt lieben oder auch ein riesiger Schuldenberg, angehäuft in den Jahren, in denen man dachte, man könnte nie wieder so tief sinken wie früher. Das Repertoire ist unerschöpflich. All dies kann und wird uns und den Atzen doch getrost geschenkt bleiben und deshalb: Weinet nicht ihr Atzen. Party machen kann man auch ohne einen Song in den Charts und bestimmt reichen die Gewinne, die ihr jetzt macht, für einige Riesenfeten!


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