RapSpot.de*We all have musical ADD and we love it
Robert Glasper Experiment in Köln
»We all have musical ADD and we love it«
Julia vom 26.05.2012

Einer der Grundgedanken der Hip Hop Musik ist ja der, dass - zum Beispiel durch das Samplen - genreübergreifende Einflüsse und Ideen zusammengebracht werden. Daher gibt es auch unzählige Hip Hop Künstler, deren Musik von Jazz beeinflusst ist, denkt man zum Beispiel an A Tribe Called Quest, Lords of the Underground oder Madlib. Andersherum findet man jedoch eher wenige Jazzmusiker, die sich der Hip Hop Musik bedienen. Die Band Robert Glasper Experiment allerdings macht Jazz, der über die Grenzen dieses Genres hinausgeht. Auch die Liebe für Hip Hop, Soul oder Rock spiegelt sich in ihrer Musik wieder. Sehr anschaulich verdeutlichen die vier Musiker dies auf ihrem kürzlich erschienenen Album „Black Radio“, auf dem Mr. Glasper einige seiner musikalischen Freunde wie Erykah Badu, Yasiin Bey, Bilal, Lupe Fiasco und Chrisette Michele auf die Instrumentals der Band singen bzw. rappen lässt.



Während ihrer Europatour machte die Band am 17.05.2012 auch einen Tourstop im Kölner Club Bahnhof Ehrenfeld, wo sich nicht nur einige Hip Hop Heads tummelten, sondern auch Jazzinteressierte, Musikliebhaber jeder Altersklasse und ein paar obligatorische Hipster. Bevor das Konzert losging, konnte man sich wahlweise im Biergarten Burger und kalte Getränke gönnen oder noch etwas an der Bar im Club abhängen und sich dabei schon von einstimmender Musik beschallen lassen. Sehr atmosphärisch das Ganze!

Schließlich stand die Band auf der Bühne und zog das Publikum zunächst mit einigen sanfteren Tönen in ihren Bann. Vor allem Casey Benjamin, der mit einem Vocoder arbeitete und gelegentlich Saxophon spielte, übte auf mich eine skurrile Faszination aus. Nicht nur sein extravagantes Aussehen mit seiner lässigen Latzhose und der Afro-Tollen mit roten Akzenten erregte meine Aufmerksamkeit, sondern auch die Art und Weise, wie er die Musik vortrug. Man konnte live erleben, was Robert Glasper zuvor so in Worte gefasst hatte: „We all have musical ADD and we love it.“ Durch seine zweideutigen Körperbewegungen und sein andauerndes spitzbübisches Grinsen vermochte Paradiesvogel Casey Benjamin sogar, seine Leidenschaft für die Musik auf eine sexuelle Ebene zu heben. Kein Wunder, dass er, sobald er von der Bühne runter war, mit einer hübschen Frau redete.

Was bei einem Jazzkonzert keinesfalls fehlen darf, sind Soli. Jedes des Bandmitglieder hatte die Gelegenheit, nach Lust und Laune zu improvisieren und das eigene Können unter Beweis zu stellen. Besonders beeindruckte mich der Drummer Chris Dave, der sein Instrument mit unglaublicher Präzision beherrschte und minutenlang enorm schnelle Rhythmen trommelte. Aber auch Bassist Derrick Hodge und Bandleader Robert Glasper selbst machten bei mehreren Soli deutlich, dass sie wahre Koryphäen auf ihrem Gebiet und mit Spaß bei der Sache sind.

Gleichermaßen bestach die Band durch ihr Zusammenspiel und es gelang ihr, eine hypnotisierende Atmosphäre zu schaffen. Auch wenn die Musik stellenweise etwas anstrengend und für unerfahrene Jazzhörer womöglich auch zu anspruchsvoll wurde, konnte man sich ihr trotzdem nicht entziehen und ließ sich stattdessen von der Begeisterung und der Leidenschaft der Musiker mitreißen.

Mit fortschreitender Zeit schien das Publikum immer faszinierter von der Darbietung zu sein, denn als im späteren Verlauf der Show erst eine Version von Commons „The Light“ und im Anschluss ein „Smells Like Teen Spirit“-Cover vorgetragen wurde, war auch der Letzte nicht mehr zu halten. Pure Hochstimmung war zu spüren und zu beobachten: Liebhaber der verschiedensten Genres kamen hier auf ihre Kosten und quittierten das mit freudigen Rufen und ausgelassenen Tanzeinlagen. Trotzdem lag das Hauptaugenmerk der Show eindeutig auf der jazzigen Komponente ihrer Musik.

Nach ca. 1 ¾ Stunden inklusive Zugabe verließ das Robert Glasper Experiment den Raum. Die vier hatten hauptsächlich die Musik für sich sprechen lassen und ihr Musikspiel nur dafür unterbrochen, um sich namentlich vorzustellen und kurz für „Black Radio“ zu werben. Geblieben ist die Erinnerung an einen einzigartigen Abend und die erneute Erkenntnis, dass Jazzkonzerte verdammt dope sein können!


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