Tobias vom 16.03.2010 06:11
ABS (Ercandize & Short)
»Der Pott war eine Institution«

ABS, das sind Discopolo, Ercandize und Short, sind kult – und das nicht nur im Ruhrpott. Die Gruppierung schaffte es über die Grenzen Nordrhein-Westfalens hinaus, was in der Form nur RAG und Too Strong von sich behaupten können. Besonders Ercandize hat sich unter den Fittichen von Kool Savas einen großen Namen gemacht und kollaboriert in diesem Jahr noch auf “Illcite” mit Nabil M. und Yaha über das Label Assazeen. Assazeen? Ist sein eigenes Label! Wir sprachen mit Ercandize, ob er dies anno 2000 für möglich gehalten hätte. Außerdem redeten wir mit Short über die Geschichte von ABS und was er denn eigentlich die letzten 5 Jahre getrieben hat. Des weiteren sezieren wir die aktuelle Szene und erfahren, was sich im Ruhrpott denn so verändert hat.

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Erstmal danke für die Zusage zu diesem kleinen, nostalgisch angehauchtem Interview. ABS ist ja nicht nur eure Gruppe sondern ein Antiblockiersystem ist auch in jedem Post-2005 Auto verbaut. Wieso kamt ihr damals bei der Namenswahl auf ABS, welche Analogien zum Antiblockiersystem hat eure Gruppe und sind diese Analogien heute im Jahr 2010 noch aktuell?

Ercandize: Die Namensfindung war eher eine zufällige Aktion. Short und ich saßen im Auto Richtung Essen und vor uns fuhr ein Bus, auf dessen hinteren Teil ein Aufkleber mit der Aufschrift ABS war. Short meinte dann, dass das ‘ne coole Abkürzung oder ein Bandname wäre. Ehrlich gesagt: Wir haben nie mehr reininterpretiert. Natürlich haben wir dann auch mal Antiblockiersystem ausgeschrieben und uns irgendwelchen Kram dazu ausgedacht, aber das hatte nicht wirklich tiefergründigere Ansätze.

Short: Also, im Eigentlichen ist diese Frage ganz einfach zu beantworten: Wir brauchten damals einen Namen. Ercan (Anm. d. Red. Ercandize) und ich sind 1996 durch Essen gelaufen, ich hab auf einem Bus einen ABS-Aufkleber gesehen, den Namen in den Raum geworfen und wir haben uns dafür entschieden - das konnte man dann so auslegen, dass wir uns nicht aufhalten lassen werden auf unserem Weg - später wollten wir den Namen noch einmal ändern, kamen aber zu keinem vernünftigen Entschluss, zumal wir ja auch schon einigermaßen bekannt waren. Da hätte ein neuer Name nur für Verwirrung gesorgt.

Was fühlt ihr wenn ihr euer Debütalbum, welches nun ja auch schon beachtliche 9 Jahre auf dem Buckel hat, mal noch mal in die Anlage schmeißt? Ist da etwas wie Nostalgie?

Ercandize: Wir gehören halt zu den wenigen in Deutschland, die als Teenies einen Klassiker veröffentlicht haben. Wir hatten in letzter Zeit ein paar Auftritte, bei denen ein paar 100 ABS-Fans waren - obwohl wir als Formation schon lange nichts veröffentlicht haben. Es gibt in ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz noch tausende ABS-Fans, nur wegen dieser einen Platte. Das macht einen natürlich stolz. Und das sollte auch diesen ganzen Internet-Hype-Rappern da draußen zeigen, dass deren Konzerte nicht umsonst unbesucht bleiben: Weil sie einfach keine Seele in ihre Musik stecken. Das was wir damals gemacht haben, ergreift die Leute bis heute und das ist auch mein Hauptfokus beim musik-machen.

Short: Etwas nostalgisches hat das auf jeden Fall für mich. Viele Erinnerungen kommen dabei hoch … gute wie auch schlechte, aber mehr schönes. Einige Tracks sind für mich relativ zeitlos, da steh ich auch heute noch hinter, bei anderen krieg ich ‘ne Gänsehaut, wenn ich die höre, weil ich sowas heute niemals mehr schreiben würde und ich meine Parts einfach nur grausam finde. Naja, aber das ist ja auch schon einige Jährchen her.

"Kinderspiel" chartete damals auf Platz 46 - was für eine Rap-Gruppe zu der Zeit nahezu unmöglich war - vor allem wenn sie nicht aus Hamburg oder Stuttgart waren. Existierte im Pott damals schon eine ernstzunehmende Szene oder wart ihr faktisch einige von ganz wenigen die Rap gehört oder gar gemacht haben?

Ercandize: Natürlich, der Pott war auch damals schon eine Institution in der gesamten HipHop-Landschaft - allein durch unsere Sprayer und Breaker. Die härtesten und besten Sprayer - bis heute ungeschlagen - die besten Jams - die härtesten Rapper … das sind die Erinnerungen, die ich von Beginn an, an den Pott habe. Wir hatten immer Respekt für andere Städte, haben uns selbst und unsere Lokalpatrioten wie Too Strong oder die Ruhrpott AG aber immer am meisten gefeiert. Der Ruhrpott ging immer schon Hand in Hand mit dieser ganzen HipHop-Sache.

Short: So lange ist das ganze auch noch nicht her. Also, ich würd’ sagen damals gab es mehr “Szene” als heute. Heute gibt’s eh nur noch Gruppierungen, jeder kocht seine eigene Suppe und alles ist voneinander getrennt. Rap, Graffiti und Breakdance, was für mich damals die Szene in Deutschland ausgemacht hat, haben ja 2010 nicht mehr viel miteinander zu tun. Zumindest wird es nicht mehr so zelebriert wie in den 80ern und 90ern als ich angefangen habe. Aber um zur eigentlichen Frage zurückzukommen: Früher, mitte 90er - anfang 2000, gab’s auch viele Leute im Pott, die selbst was gemacht haben - einige haben weiter gemacht, die sieht man heute noch, und andere haben halt wieder aufgehört. Also ... wenige waren das nicht, die aktiv waren.

Und wenn man auf die Szene im Pott den Vergleich zu Heute zieht? Was hat sich dort prägnant verändert?

Ercandize: Das, was sich überall auch verändert hat: Die Leute sind älter geworden, der Nachwuchs wurde nicht so zielgerecht gefördert wie es zum Beispiel in Hamburg oder Berlin der Fall ist. Der soziale Abstieg ganzer Regionen überschattet natürlich auch die gesamte lokale HipHop-Bewegung. Für einige ist es ein Luxus-Hobby geworden, zu sprühen oder wochenlanges Training in Breakdance zu stecken, weil sie irgendwie an Kohle kommen müssen, um sich über Wasser halten zu können. Deshalb siehst du auch plötzlich so viele Rapper: Weil einige denken, dass man nur im Takt irgendwas aus seinem Leben erzählen muss und schon kommen die Scheine. Früher war es einfach zwangloser. Man war auf Jams um sich auch wirklich noch die anderen Leute reinzuziehen und Kontakte zu knüpfen, so ähnlich wie auf Business-Messen. Heute sehe ich das nicht mehr.

Short: Ich kann das gar’ nicht allein auf den Pott beziehen, aber die ganze Szene hat sich verändert, wie ich dass bei der Antwort vorher schon erwähnt habe. Viele neue Leute sind nachgekommen, viele haben aufgehört. Irgendwann nach 2000 kam die ganze Gangster-Rap-Geschichte auf. Sowas gab’s vorher eben nicht: Dann ist ja klar, dass sich was verändert. - ob das jetzt positiv oder negativ ist, muss ja jeder selbst entscheiden. Vielleicht waren die Grund-Vibes damals etwas positiver, nicht jeder wollte der härteste sein. Aber ich find auch, dass das ganze auch qualitativ besser geworden ist. Jedenfalls zum Teil. Rap-technisch wie auch von der Produktion. Naja, hat alles Vor- und Nachteile. Aber ‘ne Veränderung muss immer stattfinden … sonst wär es auch langweilig!

Und die Chart-Listung an sich? Wie war das möglich und wie überrascht wart ihr zum damaligen Zeitpunkt?

Ercandize: Überrascht waren wir natürlich sehr. Man musste damals ja noch so einige Platten verkaufen, um überhaupt in die Charts zu kommen. Möglich war es denke ich mal, weil wir auch sehr viel unterwegs waren und Konzerte gegeben haben. Außerdem hatten wir einfach gute Songs auf dem Album. Die Leute flippen heute immer noch aus, wenn wir die alten Dinger spielen.

Short: Boah, keine Ahnung mehr. Wir haben uns auf jeden Fall gefreut. Ich war eh nie der Geschäftsmann, da kann ich nur Unqualifiziertes erzählen.