Usher
»Looking 4 myself«


Unsere Wertung:


 Lina am 08.06.2012 20:44
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Lieber Rapspot-Leser, heute gebe ich dir einen Einblick in die Abgründe meiner musikgeschmacklichen Abgründe. Auch so eine Rapspot-Redakteurin war mal 14. In meinem Fall war dieses Alter mit einer Unmenge an Postern eines R&B-Sängers mit nacktem, muskelbepacktem Oberkörper verbunden – die Rede ist natürlich von Usher. In einer Zeit, als seine Musik noch eher nach R&B als nach Eurodance klang, konnte ich jede einzelne Zeile des „Confessions“-Album unter der Dusche mitträllern – und muss mich im Nachhinein nicht mal dafür schämen, denn wenn ich ehrlich bin, war dieses Album sogar gut. Denn bis auf die Synthie-Hymne „Yeah!“ gab es durchweg starke und emotionale Soulnummern, die durchaus auch mal einen leichten Retroeinfluss hatten. Geben wir Mr. Raymond also acht Jahre und drei Alben später nochmal eine Chance. Seit dem 8. Juni steht der neue Longplayer „Looking 4 myself“ in den Läden. Press play!

Begrüßt wird man mit der Materialisierung sämtlicher Klischees, die man zu Ushers Musik haben kann: Autotune, ein David-Guetta-Style-Dance-Beat, ein flacher Text – „Can’t stop, won’t stop“ hat einfach alles! Die gute Nachricht ist, dass es von jetzt an nicht mehr schlimmer werden kann, abgesehen vielleicht vom 90er-Jahre-Loveparade-Techno-Song „Euphoria“. Von den David-Guetta-liken Dancenummern gibt es dafür aber noch eine ganze Palette, beispielsweise „Numb“ und „Scream“, die höchstwahrscheinlich irgendwo zwischen Jason Derulo und den Black Eyed Peas in der Belanglosigkeit versinken werden. Insgesamt schafft es Usher für mich auf dem Großteil der Tracks nicht, überhaupt irgendeine Stimmung zu erzeugen. Gleichgültig skippe ich mich durch beliebige und austauschbare Tracks wie „Lemme see“ mit Rick Ross, „What happened to u“, und Balladen wie „Lessons for the Lover“ sowie die Teenage-Liebesgeschichte „Say the words“, die aus dem Mund eines 33-Jährigen irgendwie lächerlich rüberkommt. Ähnlich gezwungen erscheint auch der Pseudo-Party-Track „Hot thing“ mit A$AP Rocky – muss das wirklich sein?

Dass es Ush auch besser kann, zeigt da „Dive“, was zumindest als poppige und klischeemäßig-triefende starke Ballade durchgeht. Und auch „Show me“ hätte eine schöne und spannende Popnummer werden können, wäre da nicht der extrem platte und irgendwie unpassende Text, der dem ganzen Song die Fahrt nimmt.

Warum tut man sich dieses Album also überhaupt an? Dafür gibt es zwei Gründe, die die Namen „Climax“ und „Twisted“ tragen. Mit „Climax“ hat Usher eine aufregende Synthesizer-Ballade geschaffen, die vor allem durch den gekonnten Einsatz seiner Kopfstimme durch und durch geht. Hier kann der Sänger auf ganzer Linie zeigen, was er kann. Und dann ist da noch „Twisted“ mit Pharrell. Die Retronummer, die mich etwas an Raphael Saadiq erinnert, geht sofort rein, verbreitet gute Laune und hat einen ganz eigenen, bestechenden Stil - für mich das absolute Highlight des Longplayers.

In „Looking 4 myself“ ist Usher auf der Suche nach sich. Zumindest musikalisch habe ich leider nicht das Gefühl, dass er irgendetwas gefunden hat. Zwar beweist der Artist, dass er verdammt viel Talent mitbringt, jedoch wirkt das Album auf mich oft zu konstruiert. An Experimenten mangelt es dabei weiß Gott nicht, dennoch fehlt dem Longplayer bis auf wenige Tracks ein gewisses Maß an Persönlichkeit und Authentizität. Insgesamt wäre mehr Klasse als Masse wünschenswert gewesen. Am Ende des Tages wandern die Tracks „Climax“ und „Twisted“ in die Heavy Rotation auf meinem iPod. Die Usherposter bleiben dafür weiterhin im Schrank.


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