Amewu
»Leidkultur«


Unsere Wertung:


 Lina am 14.06.2012 06:41
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Amewu ist ein Rapper, an den man ohne ein schlechtes Gewissen die höchsten Erwartungen haben kann. Meine bisherigen Begegnungen mit seiner Musik – egal ob live oder aus meinen Kopfhörern – begannen vorher meist mit „Wow, krass, Amewu, der reißt immer voll ab. Wird garantiert total großartig“ und endeten immer damit, dass ich mental den Boden vor ihm küsste und ihn spontan zum Heiligen ernennen wollte. So weit, so gut. Amewu bringt also drei Jahre nach seinem Debütalbum „Entwicklungshilfe“ den zweiten Longplayer „Leidkultur“, auf dem er sich weniger der Gesellschaft und mehr seiner persönlichen Entwicklung widmen möchte. Die Erwartungen hängen jedenfalls bereits an meiner Zimmerdecke.

Insgesamt weist „Leidkultur“, wie der Name schon vermuten lässt, eine eher melancholische Grundstimmung auf. Die wird bereits im Opener und Titelsong deutlich, der den Hörer sofort in seinen Bann nimmt. Bemerkenswert ist dabei die Steigerung im Verlaufe des Songs, die dadurch herbeigeführt wird, dass Amewu im zweiten Verse auf Doubletime switcht. Apropos Doubletime: Wer auf viele neue, beschleunigte Tracks des Edit-Rappers hofft, wird mit diesem Album vielleicht etwas enttäuscht werden und lediglich in „Training day“, das die Technik in den Vordergrund stellt und inhaltlich am ehesten als sehr guter Representer beschrieben werden kann, auf seine Kosten kommen.

Dass Amewu die Geschwindigkeit aber absolut nicht nötig hat, um den Hörer zu flashen, beweist er für mich mit „Lichttherapie“. Der Song ist vom ersten Ton an das Highlight des Albums – und vielleicht sogar meiner ganzen, doch recht beachtlichen, Deutschrapsammlung. Ohne irgendwelche Special Effects oder Doubletimelines, schafft es „Lichttherapie“, auf seine simple und ergreifende Art und Weise einfach perfekt zu sein.

Doch genau genommen steckt das ganze Album voller Highlights. Kein Track driftet ins Mittelmaß oder gar ins Schlechte ab. Die durchweg starken Beats können nur von einer Sache übertroffen werden: Amewus Lyrics. Hier wird Selbst-, Gesellschafts- und Weltreflexion auf höchstem Niveau betrieben, wird Selbstkritik geübt („Demut“), werden vergangene Beziehungen („All ein Sein“) und der Tod eines geliebten Menschen verarbeitet („Abschied“), wobei bei letzterem Track Featuregast Phase vom Team Avantgarde beinahe noch mehr zu überzeugen weiß als Amewu selbst. Gemeinsam mit Absztrakkt und Cr7z werden auf „Schwarze Sonnen“, dem Song, der wohl am sehnlichsten erwartet wurde, des Weiteren monumentale und mystische Geschichten und Lebensweisheiten in den Klangteppich gestrickt.

Und der hat es in sich: Vom Feel-Good-Instrumental von „Rückblick“ mit Chefket, das sonst leider im Gesamtvergleich aufgrund seiner verhältnismäßig einfachen Reimstruktur etwas abfällt, über großartige Samples wie auf „Stone“, mit dem im direkten Vergleich zu Amewu leicht hinten anstehenden S-Rok, hin zu experimentierfreudigen Beats, wie das unweigerlich an Herr von Grau Alben erinnernde Instrumental zu „Untitled“ – Guadaloop, Kenji 451, Chrisfader und Co. toben sich aus und haben 16 A-Klasse Instrumentals für „Leidkultur“ bereitgestellt.

Für mich bekommt nahezu jeder Song auf dem Album volle Punktzahl (einige sogar noch mehr; Die Punkte haben einfach nicht ausgereicht) – und ehrlich, das hatte ich in meiner sechsjährigen Rapspot-Karriere noch nie. Für diesen Longplayer gibt es von mir nicht nur eine Kaufempfehlung, sondern den „Must Have“ Stempel dazu. Amewu schafft es, jeden etablierten Rapper in dieser Szene alt, grau und unkreativ aussehen zu lassen. Konnte man ihm auf dem Vorgängeralbum „Entwicklungshilfe“ noch Monotonie, bedingt durch seinen abgehakten, schnellen Rapstil, vorwerfen, so hat sich auch dieser Kritikpunkt zerschlagen. Zu abwechslungsreich, inhaltslastig und technisch versiert ist das Album. Um den Bogen zum Beginn meiner Rezension wieder zu schließen: Von den Erwartungen unter meiner Zimmerdecke ist mein Eindruck mittlerweile in universelle Sphären gestiegen. Technik, Style, Flow und Lyrics – Amewu ist das perfekte Gesamtpaket des deutschen Raps.



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Kommentare
j777
22.06.12 um 17:47 Uhr.

Ja genau darauf wollte ich damit hinaus :-) aber wäre es das nicht ausnahmsweise wert die texte selbst ab zu schreiben? ;-)
John
21.06.12 um 20:11 Uhr.

danke für den hinweis, aber ich dache mehr so an eine online-Variante die mir etwas an Tipp-Arbeit ersparen würde, beim bearbeiten der Liedera auf dem Pc ;-) P.S. Amewu bringt doch unser aller Licht in unserm Innern zum Glühen :D
J777
21.06.12 um 19:56 Uhr.

kauf das album, da stehen sie drin ;) (wenn auch leider dunkelblau auf schwarzem grund... hehe, da muss man selber leuchten, damit man das lesen kann) :D
Lina
21.06.12 um 19:56 Uhr.

Danke dir vielmals für die Propz, John. Freu mich sehr, dass die Review dir so aus der Seele spricht. Ich glaube kaum, dass du bei Amewu ein schlechtes Gewissen haben brauchst - der ist da nicht so ;) Viel Erfolg!
John
21.06.12 um 19:52 Uhr.

Hallo Lina, vielen dank für die Antwort und nochmal zu deinem Review: Ich hätte es selbst nicht besser beschreiben können, was jedesmal in einem abläuft wenn man Amewu hört. Du hast das Kunststück, Amewus genialität mit menschlichen Worten zu beschreiben, wirklich gut gemeistert und sprichst mir voll aus der Seele :D :) dann muss ich diesen "Halbgott" wohl wirklich mal damit belästigen, auch wenn ich dann sicher ein schlechtes Gewissen haben werde... Liebe grüße zurück.
Lina
21.06.12 um 19:16 Uhr.

Hi John, Der RapGenius-Link ist leider vorgefertigt und wird bei jeder Review eingeblendet. Wegen Lyrics kann man wahrscheinlich nur den guten Amewu selbst anhauen, dass er mal ein paar online stellt... einen Versuch wär's wert ;) Gruß aus der Rapspot-Redaktion Lina
John
21.06.12 um 19:14 Uhr.

"Alle Lyrics auf Rapgenius.com" ist aber ziemlich gelogen, leider... man findet kaum lyrics von Amewus Liedern, was ich sehr schade finde, da er für mich der beste rapper deutschlands ist. wenn jemand tipps hat, bitte her damit :-)