Michael vom 08.01.2009 14:34
Spot #2
»Hip Hop? Mach mal nen Punkt...«

Es ist richtig, dass für die meisten Menschen Musik einen nicht unerheblichen Teil ihres Lebens bzw. der Definition ihrer selbst ausmacht und es ist auch richtig, dass Menschen sich gern mit Gleichgesinnten zusammenrotten. Musik und Gemeinschaft sind also zwei scheinbar grundlegende menschliche Bedürfnisse, daher verwundert es kaum, dass es dabei hin und wieder zu Überschneidungen kommt – beispielsweise im Fall Hip Hop. Doch ist die Vorstellung von Hip Hop als Kultur solidarischer Verbundenheit in meinen Augen von pubatärer Romantik. Eine schlichte Musikrichtung zur Lebensart hochzustilisieren, mag in der goldenen Ära des Punks oder auch den Anfangstagen des Hip Hops Sinn gemacht haben, doch wirkt es übertragen auf den hiesigen Durchschnitts-Raphörer in mitteldeutschen Kleinstädetn- mit Verlaub - ein wenig albern. Was hat dieser nämlich damit zuschaffen, dass im Amerika der 80er und 90er Jahre ein Teil der afro-amerikanischen Gemeinschaft New Yorks so wütend über ihre Armut war, dass sie ihrem Leid innovativ Ausdruck verleihen wollte? Richtig, nichts. Ich feier gute Beats, Reime, Ideen und Flows und fühl mich von den vermittelten Inhalten im besten Falle unterhalten oder gar persönlich betroffen. Ich bin absoluter Rapfan, doch von einer Art Kultur ... spühre ich nichts. Traurig aber wahr. Und hey: ich bin mir sicher da kein Einzelfall zu sein, erforscht mal eure Gefühle: wahrscheinlich geht es vielen genauso, auch wenn sie bislang der Überzeugung waren „Hip Hop zu sein“ - wie albern das schon klingt. Die von der Echthalter-Fraktion proklamierten Werte des politischen Engagements durch Angehörigkeit der Hip Hop Kultur zu begründen, halte ich für etwa so dreist wie die die zehn Gebote als moralisches Credo anzuwenden: Eigenschaften, die eigentlich selbstverständlich sein dürften (Empathie, Sozialität, Integrität, politisches Bewusstsein) werden als Errungenschaften der Hip Hop Kultur hochgehalten, doch sind im Grunde natürliche Phänomene des aufgeklärten Menschen. Einfacher gesagt: Ich kann auch ohne die Geißeln einer Kulturvorstellung engagiert sein, genauso wie ich Nächstenliebe praktizieren kann, ohne den zehn Geboten zu folgen. Zumal diese idealistischen Vorstellung ja in den seltensten Fällen der Realität entsprechen; ich meine: schaut euch doch mal die sogenannten Vertreter der Hip Hop Kultur in Deutschland an. Gerade die unaufhaltsame Internetbewegung degeneriert den Raphörer zum Forumsspast, bei dem ich eher peinlich berührt bin, als mich in ihm wiederzuerkennen. Es ist kein Zufall, dass sich in meinem engeren Freundeskreis kaum welche dieser Hip Hop Nazis befinden, denn ich persönlich umgebe mich lieber mit coolen Leuten anderer Szeneangehörigkeit, als Idioten mit meinem Stallgeruch.

Wie schlimm es tatsächlich um die viel beschworene Hip Hop Kultur bestellt ist, verdeutlichen die abenteuerlichen Versuche einer Defintion, auf die ich bei der Recherche zu diesem Artlikel gestoßen bin: „Hip Hop ist ein Gefühl in mir!“ ..."Hip Hop ist die Art wie ich mich kleide, wie ich rede und wie ich denke.“ ... „Hip Hop ist das Gebet der Straße.“ Aha. Noch etwas transzendentaler und Tupac müsste tatsächlich der Beiname „von Nazaret“ angehängt werden. Bei einer solch schwammigen Begrifflichkeit fällt es nicht schwer sich in irgendeiner Art zugehörig zu fühlen, und sei es nur um der eigenen Identitätslosigkeit Inhalt zu geben. Natürlich, es gibt noch Breakdance und Graffiti und DJing als tragende Säulen des Hip Hop Schwamms, doch mal ganz ehrlich: wie viele von euch breaken, cutten oder sprühen wirklich? Auf ernst zunehmder Basis meine ich. Ein verschwindend geringer Prozentsatz, also definiert bitte euer Hip-Hoptum über etwas ehrlicheres. Kultur bedingt Einsatz und Aktivität – nicht bloß den Konsum bestimmter Lieder und rumgammeln in Internetforen.

Versteht mich nicht falsch, es ist mir durchaus bewusst, dass Hip Hop auch ausserhalb des www stattfindet, etwa auf Festivals, Konzerten und was weiß ich was noch für Workshops in Jugendzentren und tatsächlich hatte ich beim HHK 07 ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl, bedingt durch gemeinsame Erlebnisse in einer aussergewöhnlichen Situation, ABER: ist es auf Rockkonzerten & Festivals nicht auch so? Und das ohne diese klebrige Kulturvorstellung? Hip Hop ist ein Massenphänomen unter Jugendlichen und damit als Bewegung ad absurdum geführt. Als in den 90er Jahren noch tatsächlich eine geschlossene Front von Aussenseitern sich gegen den Mainstream gestellt hat und Nischenmusik produzierte, hätte ich mich mit dem Kulturbegriff wahrscheinlich noch anfreunden können, doch ist das heute komplett verloren gegangen, in einer Szene die so vielschichtig ist, dass sie Menschen derart verschiedenen Schlags abdeckt, dass sie sich in ihrem sonstigen Leben wahrscheinlich eher feindselig gegenüberstehen. Wo bleibt die kultische Gemeinsamkeit, wenn Bushido Fan A Pal One Fan B das Handy zieht.

Aber so negativ dieses Beispiel sein mag, öffnet sicht in der Akzeptanz von Rap als bloßem Stilmittel eine Vielzahl von Türen zur musikalischen und lyrischen Entwicklung, wie sie im eng gescnhürten Korsett der glücklicherweise überholten Authentizitätsdiskussion nicht möglich gewesen wäre: Abseitige Künstler wie JAW oder Hollywood Hank schaffen es allein durch ihre technische Finesse Rap auf eine neue Stufe zu bringen, gehen aber inhaltlich in die entgegengesetzte Richtung der Hip Hop Doktrin und wären allein deshalb in einer so konservativen Gemeinschaft unmöglich. Das gleiche gillt für z.B. Kollegah, der das größte Tabu des Kulturbewussten Rapfans bricht und aus der Sicht eines fiktiven Charakters rappt oder etwa Deichkind, die es mit Hip Hop' esker Elektromusik frühzeitig geschafft haben sich von der Szene zu emanzipieren und gleichzeitig die Grenzen ausweiteten. Ihr seht also, dass dieser Abgesang auf die Kultur keine Grabrede ist, sondern der Versuch die fingierte Bedeutungsschwere zu relativieren und einen realistischen Blick die Musikrichtung zu werfen, die so profilneurotisch ist wie keine andere. Welche Gattung sonst ist ihrer selbst so unsicher, dass sie sich ständig besprechen und neu definieren muss, sich im Kreis dreht zu keinem Punkt kommt? Daher sollten wir Hip Hop die Musikrichtung sein lassen, die es ist und weiterhin die Knüppel aus unseren elitären Ärschen ziehen, auf dass der Hip Hop typische Identitätskomplex mit ausgeschieden wird. In diesem Sinne, meine Freunde,

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