Michael vom 25.11.2011 22:17
Spot #16
»Es gibt keine Schuhe bei Saturn«

Der erste Gedanke ist immer gleich. Die Anlaufpunkte sind immer die gleichen. Wer einen Fernseher braucht, geht zu Saturn oder Media Markt. Wer Tiefkühlpizza braucht geht zu Edeka oder Penny. Oder Aldi. Oder was weiß ich wohin. Der Punkt ist, dass bestimmte Bedürfnisse durch fest abgesteckte Anlaufpunkte befriedigt werden. Automatisch. Wenn ich neue Schuhe brauche, denke ich automatisch an Geschäfte wie Snipes, selbstverständlich wie ich zum Kauf von Drogerieartikeln eine Drogerie aufsuche, wähle ich beim Klamottenkaufen Geschäfte mit dem Prädikat urbaner Bekleidungsmarkt. Das liegt daran, dass ich Hip Hop Musik mag und deswegen einen bestimmten Look gewöhnt bin. Seit knapp anderthalb Jahrzehnten höre ich Rap und kleide mich entsprechend. So weit, so naheliegend. Doch sind knapp anderthalb Jahrzehnte eine verdammt lange Zeit und begünstigen sich langsam einschleichende Automatismen, die leicht mit Charakterbildung verwechselt werden können und oft gerade während der Pubertät einen noch höheren Rang haben.

"Yeah ich bin 13 und die Mongo-Clikke ist der heftigste Scheiß der Musikgeschichte. Ich merk grad ich bin ja genauso ein heftiger Mutterficker und brauch jetzt nur noch Air Max und was mit Nashörnern drauf damit die anderen das auch checken... Ok ich bin jetzt 18 und Hip Hop ist immernoch der dopeste Scheiß, inzwischen hab ich viel mehr kennengelernt und hab differenzierte Meinungen zu komplexen Untergundströmungen. Als Teil der kultur trage ich stolz ihre Erkennungsmerkmale... Jo ich bin 22 und Rap hör ich immernoch, früher wars aber irgendwie besser. Egal, ich muss jetzt noch eben mal zu Snipes."

Also ich bin 25. Rapmusik geht mir zusehens auf den Sack, vielleicht weil ichs überhört hab, vielleicht weil die Musik wirklich schlechter wird, oder es eben nur was für die jungen Leute ist. Wenn ich Klamotten brauche, frequentiere ich automatisch, wie seit knapp anderthalb Jahrzehnten, die gleiche Art von Geschäften, wie ich zu Saturn gehe, wenn ich einen Fernseher brauche. Aber irgendwie sind diese großen Hosen auch nicht mehr das Wahre, und nicht jeder Pulli muss einen graffiti'esken Schriftzug und eine Kapuze haben, oder? Natürlich nicht. Und das muss er auch nicht, wenn man Rapmusik hört, oder Techno, oder tschechische Folklore, aber es kann sein, dass es einen Zusammenhang gibt - der in beide Richtungen funktioniert. Zieh ich mich auf eine bestimmte Art an, weil ich Rapmusik höre, oder wähne ich mich als Rapfan, weil ich seit Jahren einen repräsentiere? Kann es nicht durchaus sein, dass ich zunächst gar nicht merke, dass mir das neue Savas-Abum nicht gefällt, dass man nicht ständig Caps tragen muss und Hosen auch ruhig mal passen dürfen, weil es so normal geworden ist all das zu praktizieren, dass es sich fast wie ein Job anfühlt? Die Macht der Gewohnheit und so weiter. Auf diesen Automatismus wollte ich hinaus und ich denke, dass er nichts mit Hip Hop speziell zu tun hat, sondern auf die unterschiedlichsten Millieus anwendbar ist. Wir Menschen denken oft zu viel nach, gerade über uns selbst und die ewige Frage "Wer bin ich?". Als lösungsorientiert denkendes Wesen vereinfacht man da schnell und kreiert ein Bild von sich selbst, bzw. erkennt sich selbst auf eine bestimmte Art - der Hip Hop Fan, der Trashrocker, der Modelleisenbahnbauer. Dabei sind wir Hip Hop Repräsentanten scheinbar noch in einem recht guten Einklang mit unserem Unterbewusstsein, verändert sich im Laufe unseres Fanseins verhältnismäßig wenig. Wie gebeutelt müssen jene sein, die sich ständig neu erfinden müssen? Die Lady Gagas, die Rihannas, die entfernten Bekannten aus den Tiefen unserer Facebookkontaktlisten, die auf einmal nicht nur blond/brünett/dick/dünn geworden sind, sondern dies auch noch zelebrieren und eben jenen Gagas erstrebenswerte Geisteszustände attestieren, "Toll, wie die jetzt ganz anders ist als beim letzten Album!" Ich weiß nicht.

Sich selbst zu finden ist schwerer als einen neuen Fernseher, weil der Grat so schmal ist. Er führt entlang zwischen dem vereinfachten Selbstbild der Gewohnheit und dem kontraproduktiven sich (Neu)-erfinden hin zu einem unbestimmten Ziel, das sich, je näher man ihm zu kommen scheint, immer weiter wegbewegt. Das Problem dabei ist das denkende Ich, das ruhelos seine Hirnsuppe rührt und alles zerlegt, bis schließlich nichts mehr da ist. Denn wie überflüssig wären diese ÃÅ“berlegunge,n wären wir keine Menschen, sondern Schildkröten, die im Wasser treiben, oder besser noch Quallen, die haben nämlich erst recht kein Gehirn. Oder ein Stein, inbegriff des bloßen Seins: kein Gedanke hindert ihn daran komplett bei sich zu sein und so Jahrhunderte zu überdauern. Ja, ein Stein müsste man sein auf dem Kieselweg des Lebens: in einen Moment noch friedlich daliegend zwischen einer blühenden Unkrautranke und einem schon viel unglücklicheren, weil mit Hirn ausgestatteten, Käfer, im nächsten weggekickt von einem dieser unseligen Menschen, der grübelnd seines Weges geht über die allumfassende Frage: "Wo krieg ich neue Schuhe?"

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